Reisebericht Kenia 18.02.-17.03.2020

Genau 31 Jahre nachdem ich meine erste Reise nach Afrika hier begann, bin ich nun wieder in Begleitung von Sonja am Diani Beach, südlich von Mombasa mit dieser Reise gestartet. Der Anlass dazu war eine Hochzeitseinladung nach Kisumu und der langgehegte Wunsch, einige Kenianische Projektpartner zu besuchen, sich auszutauschen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu erkunden. Kurzfristig haben wir dafür eine Förderung der Schöck Familien Stiftung bekommen.

Nach 4 Tagen Erholung und Akklimatisierung am Strand fuhren wir mit dem neuen Madaraka-Express von Mombasa nach Nairobi. Die Bahnhöfe der neuen Zugstrecke sind riesige Stahl-Glas-Paläste und wirken völlig überdimensioniert, zumal die Züge nur 2-mal täglich pro Richtung fahren. Die Sicherheits-Checks wirkten auch etwas übertrieben, die Angst vor Terror-Anschlägen scheint groß zu sein. Aus dem Zug kann man die Tiere des Tsavo-Nationalparks sehen, wir konnten Giraffen, Gazellen und mehrere Elefantenherden beobachten.

In Nairobi wurden wir von Karin und Tim, 2 Braumeistern aus Berlin, vom Bahnhof abgeholt und gleich in einen großen Nachtclub mitgenommen, wo an diesem Abend das Bier ihrer Brauerei promotet wurde. Dann fuhren wir gemeinsam auf die Farm im Rift Valley wo auch die Bateleur-Brauerei ihr Craft-Bier Sortiment braut. Wir durften die Brauerei besuchen und einige der 16 Biersorten verkosten. Ein gemeinsamer Ausflug zum Lake Naivasha war die einzige gemeinsame Unternehmung, da Karin und Tim in der Brauerei sehr eingespannt sind und täglich 10 und mehr Stunden arbeiten.

Wir fuhren weiter nach Kisumu, wo wir von Steven, dem Direktor von CADIF (Community Aid Development International Fund) Kenya erwartet wurden. Gemeinsam ging es am nächsten Tag zur Hochzeit von Nina und Jack, einem deutsch-kenianischen Pärchen, das sich vor über einem Jahr in Malawi nach einem Erasmus+-Workshop in unserem Beisein kennengelernt hat. Ein riesiges Fest am Ufer des Viktoria Sees mit vielen Besuchern, einigen Priestern und jeder Menge Halleluja bei sengender Hitze. An den folgenden Tagen zeigte uns Steven einige Projekte, mit denen CADIF zusammenarbeitet unter anderem durch Vermittlung internationale Freiwilliger: am Dunga Beach eine Ökostation in einem Papyrus-Sumpf mit Mini-Museum und Beobachtungsturm für Bird-Watching; ein neuer Fischmarkt mit angeschlossener Biogas-Anlage für die energetische Nutzung der Markt-Abfälle sowie Jacks Watersports Academy, die aber teilweise überflutet war, da der See in den letzten Wochen über die Ufer getreten ist. Am nächsten Tag besuchten wir noch eine kleine Klinik in einem Slum von Kisumu.

Dann fuhren wir nach Rusinga Island um dort das Badilisha Ecovillage zu besuchen. Evans erwartete uns und zeigte uns das Gelände mit Büros, Bibliothek und Samenbank, Seminarräumen, Pizza Ofen, Seewasseraufbereitung und Entnahmestation für die Nachbarschaft, Baumschule, Waldgarten, Fischteich, Marktgarten etc. Ein beeindruckendes Demonstrationsprojekt für angewandte Permakultur. Abends nahm Evans uns mit zu sich nach Hause, wo auch ein Schweizer Freiwilliger wohnte. Am nächsten Morgen nahm uns Evans mit zu einem Aufforstungsprojekt auf einem kahlgeweideten Hügel, wo sein Team kleine Wälle anlegt, um die Erosion zu stoppen und Baumsetzlinge gefährdeter Baumarten auspflanzt. Durch Awareness Trainings mit den einheimischen Viehhirten werden die aufgeforsteten Flächen nicht mehr beweidet und bilden stellenweise einen dichten jungen Wald. Vor Verlassen der Insel besuchten wir noch die Kanyala Little Stars Academy in Mbita, die von SONED zwischen 2010 und 2012 und nochmal 2018 unterstützt wurde. Wir besuchten die verschiedenen Klassenräume und erlebten interessierte fröhliche Schulkinder, die nach Auskunft der Schulleiter im nationalen Vergleich sehr gute Lernergebnisse erzielten.

Nach einem Zwischenstopp in Kisumu sind wir nach Kitale gereist, um uns die Projekte von OTEPIC (Organic Technology Extension and Promotion of Initiative Centre) anzusehen. Philip Munyasia zeigte uns zunächst den Amani-Garten, den sein Team 2012 angelegt hatte und der sich zwischenzeitlich zu einem üppigen Waldgarten entwickelt hat mit prächtigen Avocado-, Medizin- und Nutzbäumen. Es gibt eigenes Brunnenwasser, das mit Solarstrom gepumpt wird, eine selbstgebaute Biogas-Anlage, die den Kocher befeuert und einen Aufenthaltsraum, sowie Pilzstation, Baumschule und Gemüsegarten. Alles auf engstem Raum, deshalb gibt es seit 3 Jahren eine weitere Fläche etwas außerhalb der Stadt. Hier wird das neue Permakultur-Zentrum auf einer Fläche von 5 Hektar entstehen. Auch hier existieren schon einiges: Bananenstauden, Avocado Bäume, ein junger Waldgarten, Gemüsegarten, einige traditionelle Rundhütten zum Aufenthalt, für Pilzzucht und als Erntelager. Besonders stolz zeigte Philip uns die Kräuter und Gemüse, die er von Samen gezogen hat, die er aus Deutschland mitgebracht hatte. So probierten wir gleich ein Kohlrabi und fanden raus, dass Philip die noch nie roh probiert hat.

Am meisten beeindruckt hat uns jedoch der Rohbau für ein riesiges Konferenz-Zentrum, das auf dem Gelände entsteht. Hier zeigt sich die visionäre Kraft von Philip und seinem Team, denn viele in seinem Umfeld mögen der Meinung gewesen sein, dass diese Gruppe junger Enthusiasten aus dem Slum eine solche Baustelle nicht bewältigen kann. Aber der Rohbau ist fertig und bereits überdacht, auf dem Dach stehen vier große Wassertanks, weitere riesige unterirdische Zisternen sind gemauert und sollen das Regen- und separat das Grauwasser auffangen. Für das Schwarzwasser ist eine Biogasanlage, sowie Pflanzenkläranlage geplant. Aber es gibt noch jede Menge zu tun, um hier ein funktionierendes Zentrum aufzubauen und wir hoffen das OTEPIC-Team bekommt dafür die nötige Unterstützung.

Am Samstag fuhren wir zum Waisenhaus, das Philip initiiert hat. In einem angemieteten Gebäude mit Garten leben 22 Waisenkinder verschiedenen Alters wie eine Großfamilie zusammen, betreut von einem Freiwilligenteam, das von Millicent, einer Lehramtsstudentin geleitet wird. Am Sonntag besuchten wir Philips Mutter im Slum, in dem auch Philip aufgewachsen war und sein Engagement einst begann. Das kleine Haus der Mutter scheint als Nachbarschaftszentrum zu fungieren, hier ist ein ständiges Kommen und Gehen und man bekommt einen Eindruck davon, wie das starke Engagement von Philip entstanden ist. In der Nachbarschaft zeigte Philip uns den ersten Gemeinschaftsgarten, den er mit Freunden und Nachbarn einst als Friedensinitiative gestartet hat, um Jugendlichen eine Perspektive zu geben. Im Haus nebenan gibt es einen Raum für Meetings von OTEPIC und eine Wasserentnahmestelle für städtisches Leitungswasser, die Philip von der Verwaltung erkämpft hat und wo die Nachbarn ihre Wasserkanister füllen können, anstatt zum Fluss laufen zu müssen.

Die letzte Station unserer Besuchsreise war KIPEPEO bei Luanda. Nachdem wir von Julius und Jethron das Office und die Community-Farm gezeigt bekamen und bei unserer Gastfamilie einquartiert wurden, blieb nur wenig Zeit, den vereinbarten Workshop vorzubereiten. Der sollte im Community Center, das erst im Rohbau fertig ist, stattfinden.

Dort kamen vom 12.-14.3.2020 14 Teilnehmer*innen von 6 kenianischen Organisationen (CADIF Kenya, OTEPIC, Badilisha, Kipepeo, Books for Trees und Ndoto Zetu) für diesen Netzwerk-Workshop zusammen. Nach einer Vorstellungsrunde, wo sich die Teilnehmer persönlich und ihre Organisation vorstellten, sammelten wir in einem Traumkreis die Erwartungen der Einzelnen an diesen Workshop. Diese wurden in einem Traumprotokoll festgehalten und von den Teilnehmern nach Prioritäten bewertet.

Anschließend wurden in 2 Runden Gruppenarbeit die priorisierten Themen besprochen: 1. Kriterien für Permakultur-Lernzentren; 2. Einbeziehung der Gemeinde/Nachbarschaft inklusive Menschen mit besonderen Bedarfen; 3. Permakultur und Nachhaltigkeit für Kinder/an Schulen; 4. eine Strategie für einen „Permaculture diploma process for Kenya“ 5. Permakulturelles intensives Gärtnern auf kleinen Flächen; 6. Lobby-und Öffentlichkeitsarbeit sowie 7. „wie sollen Permakultur Design Kurse in Kenya laufen (besondere Bedarfe) und 8. Perspektiven für dieses Netzwerk. Die Gruppenarbeit wurde anschließend dem Plenum vorgestellt und dort diskutiert. Am nächsten Tag wurden 4 Themen wieder aufgegriffen und weiterbearbeitet sowie in einem Open Space Kenntnisse und Tipps über Kompostieren, Fischzucht, Baumveredlung u.a. ausgetauscht. Auch mitgebrachtes Saatgut wurde getauscht.

Am letzten Tag wurden die nächsten Schritte für das Netzwerk vereinbart, wir pflanzten die über 50 gelieferten Baumsetzlinge, der Workshop wurde gemeinsam ausgewertet und alle Beteiligten bekamen ein Zertifikat.

Fazit: alle fanden den Workshop gut: die Inhalte, die Anderen Teilnehmenden, den Erfahrungsaustausch, die Inspirationen, die location und die fabelhafte Bewirtung und Unterbringung durch die Community. Die weitere Zusammenarbeit wurde vereinbart und soll durch ein memorandum of understanding verschriftlicht werden. Ein Permaculture Network wurde initiiert und der Aufbau von Permaculture Demonstration- und Lernorten vereinbart: PLANT-Kenya (Permaculture Learning, Action, Networking & Training Centers in Kenya). Wir vereinbarten dort rotierend eine Reihe von Permakultur-Design Kursen durchzuführen mit einer Liste von regionalen Besonderheiten/ Bedarfen. Eine Gruppe erarbeitete einen Entwurf für eine Kenianische Permakultur-Diplom-Ausbildung und eine Strategie der Umsetzung. Außerdem haben die beteiligten Organisationen vielfältige Möglichkeiten der Zusammenarbeit erörtert. Nur mein vorgeschlagenes Konzept einer self managed Conference hat mangels Beteiligung nicht funktioniert und ich musste alle drei Workshop-Tage moderieren. Dafür habe ich am Ende ein schönes Zertifikat, aber auch gute Kritiken gekriegt. Jedenfalls habe ich den Eindruck, dass der Workshop sehr erfolgreich war und eine Initialzündung für weitere Netzwerk-Aktivitäten darstellt. Auch für SONED in Berlin ergeben sich vielfältige Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit diesem neuen Netzwerk.

Gegen Ende das Workshops bekam ich erst einen Anruf aus Berlin, dass unser Rückflug von Türkisch Airlines gecancelt wurde, dann rief mich Karin an, dass sie uns besuchen kommen und 3 Kisten Bier zum Verkosten als Werbegeschenk aus der Brauerei mitbringen. So bekam die Einladung von KIPEPEO zum Community-Abend noch eine feuchtfröhliche Wendung. Karin und Tim kamen mit Njoroge genau zum Abendessen und wir hatten alle einen angeregten Abend. Am nächsten Tag fuhren wir nochmal nach Kisumu, da Njoroge unbedingt den Viktoria-See sehen wollte und wir nichts dagegen hatten, nochmal am Dunga Beach mit der Ökostation und den Flusspferden vorbeizuschauen, bevor es am nächsten Tag in Richtung Corona zurück nach Nairobi und dann nach Berlin oder ins Ungewisse gehen sollte.

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